Presse Grupo LamÜbersetzt aus einem Text von Sergio Rufin, Cuba. Liz. Kunstkritiker. Untersuchungen über die bildenden Künste in Kuba, im speziellen der Provinz Matanzas. Mit Zitaten aus dem Artikel "Arte y Cultura en Cuba" von Geraldo Mosquera, Kurator des New Museum of Contemporary Art, New York, publiziert in Revista Revolucion y Cultura. Drei Künstler – "Tryptichon" über die malerische Ideologie des Grupo Lam Der Terminus malerische Ideologie bedeutet in diesem Kontext, dass der Künstler das innere Universum des Betrachters auf seine kulturelle Identität im anthropologischen Sinn zu erforschen sucht. So entwickelt sich im Kunstwerk mit seinen formalen und konzeptuellen Aspekten eine Form von multipler Identität. Geschichte kann mit Realität, Bild mit Symbol manipuliert werden. Die Künstler des Grupo Lam setzen die Kraft von Symbolen gezielt in der Kunst ein, um Probleme anzusprechen und aufzuzeigen, wie komplex Kunst und Leben in Kuba miteinander verflochten sind. El Nole und sein symbolisches Universum Das Werk von El Nole geht von Ueberlegungen aus, die durch radikales Hinterfragen der Beziehung zwischen der subjektiven Welt des Betrachters in seinem kubanischen Alltag und seinem spezifischen Platz in der Gesellschaft Kubas entstanden sind. Der Künstler reflektiert durch die symbolische Kraft des Bildes eine malerische Ideologie, die sein widersprüchliches Umfeld mit seinen Wechselhaftigkeiten darstellt. Er ist fasziniert vom anthropologisch-ideologischen Menschen unserer Zeit, und stellt seine Überlegungen und Eindrücke in intelligenter und metaphorischer Weise dar. Sein Werk ist nahe am Hyperrealismus – denn er beherrscht sein Handwerk meisterhaft – aber er lässt sich nicht so einfach einordnen, geht weiter, und gibt dem Objekt einen symbolischen Wert, einen tieferen Sinn. So verwandeln sich das Bild des Autos, der Kühe, der Fidels, der Che‘s in ein stetiges Hinterfragen der verschiedenen Bedeutungen der populären und rhetorischen Bilderwelt des Regimes. Seine kritische und hintergründige Darstellung dieser Mechanismen richtet sich direkt an das Bewusstsein des Betrachters, analysiert es wiederum und ist, meiner Meinung nach, El Nole‘s Methode, durch systematische Dekonstruktion der offiziellen Bilderwelt die sichtbarsten Probleme aufzuzeigen und eine kritische, allgemeine und systematische Reflektion des Menschen in der Gesellschaft zu fördern. Sueiras Pop–Art – sozialer Realismus Auch wenn die Lebensbedingungen im heutigen Kuba mit dem Amerika der Fünfzigerjahre nicht identisch sind, finden sich auch heute noch in der kubanischen Realität Relikte, die an diese früheren Zeiten erinnern. Die Entwicklung in der Gesellschaft und Reflektionen darüber führen dazu, dass professionelle Künstler wie Sueiras viel Zeit und Geduld aufbringen, um sich mit einer Form von populärer Volkskunst, die man auch "label art" nennen könnte, auseinanderzusetzen und ihre eigene malerische Ideologie dazu zu entwickeln. Hier geht es nicht um den Duft der weiten Welt mit ihren riesigen Neon-Schildern, Coca-Cola und Chiclets Adams, sondern um eine Periferie dieser Werbewelt, eine Form von Résistance, mit Gleichnissen und Parodien zu den in Kuba populären Alternativen zu Coca-Cola und anderem wie Havana-Club, Tu Kola oder Cristal. So benutzt Sueiras nicht Bilder von Marylin Monroe, sondern Selbstportraits oder Propagandabilder – seine eigene kubanische Identität, oszillierend zwischen der berühmten Habana S.A. und der runzligen Haut der Menschen, denen er täglich begegnet.Seine Werke, seien es nun Serien oder Erinnerungsalben, sind seine stetige Meditation über eine Geschichte, die ihn dem Betrachter seiner Bilder näher bringen kann. Dazu benutzt er Collagen und Grafik und überschreitet oft die Grenzen der Logik. Die Manipulation der propagandistischen Ikonografie kubanischer Produkte ist Teil seiner kritischen Reflektion aus der Periferie und eine Form, real zu sein, ohne Leben und Kunst auseinanderdividieren zu müssen. So entwickelt sich sein ureigener Neo-Realismus im Pop. Octavio und sein Rätsel Die Existenz eines grundsätzlichen Abgrunds zwischen Kunst und Realität ist eine Charakteristik, die alle Gegenbewegungen auszeichnet. Es sind die Konsequenzen der Suche nach einer unpersönlichen und anti-individuellen Kunst, die die grossen Bewegungen in Malerei und Bildhauerei des 20. Jahrhunderts a priori abwertet. So auch den explizit revolutionären Surrealismus, nach dem die Freiheit zwei Gesichter hat: Die individuelle und die soziale Freiheit. Alle beide sind der Ursprung von Octavios Rätsel. Er malt minutiös, mit ausgefeilter Technik und der Palette des grossen Realisten eine Mischung von Traumbildern und Realität, mit dem Ziel, Aspekte des Bewusstseins darzustellen. Seine Bilder sind eine intime Bestandesaufnahme, das Ziel die totale und grenzenlose geistige Freiheit. Er tritt aus den Grenzen des Plastischen heraus, weg vom Anekdotischen, verwandelt die reale Welt in eine irreale. Seine Selbstbildnisse suchen das Rätselhafte und Symbolische, im Innern und im Äussern der Maske, seine Umwelt in Frage stellend. Er ist der Psychoanalyst des Grupo Lam, der in den Betrachter und sein Bewusstsein hinein schaut und willenstark die Kraft einer expressiven neuen Vision sucht, die aus der kulturellen Krise hinausführen wird. Grupo Lam ist ohne Zweifel Erbe einer kritischen Vision, die, ohne zerstören und ersetzen zu wollen, den für ein bestimmtes soziales Regime charakteristischen Metabolismus als Ausgangsposition benutzt, um eine Kunstform zu entwickeln und vorzustellen, die in der Zeit Bestand hat und überlebt, und die sich dank der überlegten, reflektiven Grundhaltung der Künstler den ständig wechselnden Zensurbestimmungen entzieht. Heute, im 21. Jahrhundert, sind ihre poetischen Werke wie Episoden eines Comic-Strips. Ohne sich auf rein politische Kunstkonzepte zu beschränken, bringen sie es Kraft ihrer malerischen Ideologie fertig, den verschiedensten Betrachtern ihrer Kunst Aspekte von Geschichte, Technologie, Psychologie und Werbung im Kontext eines periferen Drittwelt-Landes zu zeigen. |
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